Sunday, 5 March 2017

ME, MYSELF & I: Das Selfie und das Selbstporträt

Die ersten Zeilen dieses Textes sind bereits vor einem Jahr entstanden; in Reaktion auf eine Ausstellung der Schirn Kunsthalle Frankfurt über das künstlerische Selbstporträt in der Gegenwart. Um ehrlich zu sein, hatte ich mir damals nicht viel von dieser Ausstellung mit den grünen Gurken auf den Plakaten erwartet. Es war mehr das schlechte Gewissen einer Kunstgeschichtsstudentin, die das Gefühl hatte, zu wenig für ihr Studium zu tun, das mich in die Ausstellung trieb. Dass mir die Fragen um Selbstportät, Selbstwahrnehmung und Selbstinszenierung - auch in Bezug auf die eigene Person-  ein Jahr danach immer noch durch den Kopf gehen würden, war das letzte, womit ich gerechnet hatte. Vielleicht, weil Snapchat, Instagram & Co einen täglich aufs Neue mit dem Selbstporträt der heutigen Zeit – dem Selfie – konfrontieren. Vielleicht aber auch  nur, weil ich meine studiumsbedingten Sehgewohnheiten manchmal nicht ausschalten kann und unterbewusst auf den Alltag übertrage...
Jedenfalls wollte ich diesen Text irgendwie gerne zu Ende schreiben. Ich hoffe, euch gefällt dieser künstlerische Exkurs. 
Alicja Kwade: Selbstporträt, 2015 / Selfie, mit meinem Handy 2017 aufgenommen
Was Alicja Kwades Anordnung von 26 Elementen und mein – aus Langeweile beim Lernen geschossenes – Handyfoto gemein haben? Beides sind Selbstporträts der Gegenwart. „Selbstporträts?“, werden die meisten sich nun fragen, „Das eine ist ein Selfie. Das ist verständlich. Aber diese 26 Elemente? Auf keinen Fall!“ Und trotzdem steht eben das auf dem Schild neben dem Kunstwerk von Alicja Kwade.

Bis vor etwa zehn Jahren gab es genau einen Namen für die bildnerische Darstellung seiner selbst. Es nannte sich Selbstporträt und war im Großen und Ganzen in der bildenden Kunst verordnet. Saßen Tizian, Van Gogh und Kollegen noch vor dem Spiegel und verbrachten Stunden, Wochen oder Monate damit, ihr eigenes Abbild auf einen Bildträger zu bringen, so ist das im 21. Jahrhunderts einfacher. Da gibt es dieses kleine eckige Gerät, das man sich vor das Gesicht hält, auf das man eins, zwei Mal drauf tippt und schon hat man ein Abbild des eigenen Ichs, ohne in irgendeiner Weise den Anspruch darauf zu erheben, dass es sich bei dieser Datenmenge um Kunst handele. Das Selbstporträt der Gegenwart heißt Selfie. Dank Entwicklung digitaler Fotografie und Mobiltelefone, deren (Front-) Kameraaufnahmen das Mitführen einer eigentlichen Kamera teils überflüssig machen, müssen wir kein Künstler mehr sein, um ein Selbstporträt zu erschaffen. Wir müssen keiner Kunsttradition folgen, in die wir uns mit unserem Selbstporträt verorten, wenn wir uns auf die eine oder die andere Weise inszenieren; geschweige, sie kennen. Wir denken nicht darüber nach, dass das, was wir da tun, in seiner Vorgängervariante einmal als Kunst angesehen wurde. Wir brauchen das Selbstporträt der Kunst nicht mehr, um ein Porträt von uns selbst zu haben.
Ist das Selbstporträt obsolet geworden, seitdem es das Selfie gibt?  Weil wir uns nun auf andere Weise ein Abbild unseres Ichs beschaffen können? Ein dauerhaftes Abbild unserer selbst war schließlich immer der Sinn eines Selbstporträts. 

Selbstporträt: Künstlerische Abbildung und Inszenierung des Ichs. Traditionell steht das äußere Erscheinungsbild des Künstlers im Zentrum.

Selfie: Mit einer Digitalkamera, meist in Form eines Smartphones, aus der eigenen Hand aufgenommenes Selbstporträt
  
Stonehenge 2014

Ich fotografiere, also bin ich. Wir dokumentieren mit Selfies unser Leben; teils mehr für den Rest der Welt, als für uns selbst. Ganz nach dem Motto #selfieoritdidnthappen. Der Besuch des Eiffelturms ist erst passiert, wenn das Selfie mit dem Turm im Hintergrund im Kasten ist und mit dem Rest der Welt geteilt werden kann. Es dient der Dokumentation unseres Lebens in der digitalen Welt. Es geht um das Sehen und Gesehen werden; um Repräsentation.
Édouard Manet: Selbstporträt mit Palette, 1879
Vielleicht haben Selfies gerade dadurch mehr mit dem traditionellen Selbstporträt gemein, als wir zunächst denken. Mehr, als nur die Tatsache, dass wir es bei beiden Bildformaten mit einem Bild zu tun haben, dass man von sich selbst gefertigt hat. Ist die Idee der Selbstpräsentation nicht auch ein Aspekt des klassischen Selbstporträts? Wenn Édouard Manet sich mit Pinsel und Palette selbst porträtiert, dann, weil er sich als Maler präsentieren will. Hätte er einfach nur ein Bild von sich als Person malen wollen, hätte er die Utensilien sparen können. Aber genau das ist sein Anliegen; sich als Maler zu präsentieren und zwar auf eine Weise, mit der er sich gleichzeitig in die Darstellungstradition des Selbstporträts in der Kunstgeschichte einreiht.
Beide Bildformate - sowohl das künstlerische Selbstporträt als auch das Selfie -  folgen Regeln und Strukturen; nur, dass es bei einem Selfie nicht die traditionelle Kunstgeschichte ist, der seine Gestaltung folgt, sondern die Muster und Formate, die uns täglich auf Instagram & Co begegnen. Ihnen wurden Namen wie Duckface oder Fishgape gegeben. Es sind Muster, die wir wahrnehmen und uns unterbewusst aneignen, wenn wir versuchen, sie zu imitieren. Ein Selfie zu machen, bedeutet sich selbst auf eine bestimmte Art zu inszenieren; ein Ich, dass man sich mithilfe der Frontkamera selbst konstruiert. Insofern ist das Selfie doch sehr nah dran, am komponierten künstlerischen Selbstporträt.

Haben einige Medienwissenschaftler dann recht, wenn sie behaupten, das Selfie sei das erste Kunstwerk des Netzwerkalters? Das würde bedeuten, wir alle wären Künstler. Täglich würden neben dem normalen Kunstbetrieb, weitere abermilliarden neue Kunstwerke in die Welt losgelassen werden. Es fällt einem schwer, das Selfie als Kunst anzusehen. Als ein Mittel, dass sich die Kunst aneignet? Klar, die Kunst hat sich ihre Ausdrucksmittel schon immer in ihrer eigenen Zeit gesucht und nicht nur in der vorangegangenen künstlerischen Tradition. Es gibt einige Künstler, die das Selfie für ihre Kunst verwenden. Aber jedes Selfie ein Kunstwerk? Mit dieser These tue ich mir schwer. Spinnt man die Frage weiter, kommt man irgendwann zu der Frage, was man überhaupt unter Kunst versteht. Ist etwas Kunst durch seine Produktion? Durch seinen Urheber? Durch die Betitelung als Kunst? (Auf eine ausführliche Diskussion dieser Frage verzichte ich an dieser Stelle.) Wir nutzen Selfies primär, um uns in der massenmedialen Gesellschaft in Szene zu setzen und um uns unserer selbst zu bestätigen. Dafür eignen wir uns Bildstrategien an, von denen wir denken, sie würden uns Anerkennung oder gar die Bewunderung der anderen bringen. Das alles hat nur bedingt etwas mit dem Begriff der Kunst zu tun. Vielmehr scheint es wie der Auswuchs einer unglaublich narzisstischen, egozentrischen Gesellschaft…

Wenn wir nun für uns entschieden haben, dass ein Selfie keine Kunst ist, bleibt in Bezug auf die Kunst trotzdem noch eine Frage: Was bedeutet das Selfie für das Selbstporträt der Kunst? Für was brauchen wir das Selbstporträt eines Künstlers dann überhaupt noch? Oder anders gefragt: Wieso sollte ein Künstler noch ein Selbstporträt von sich fertigen, wenn er auch einfach ein Selfie machen könnte?

Denn ehrlicherweise hat das Selbstporträt durch das Selfie seine Funktion - die optische Wiedergabe des eigenen Ichs - verloren.  Damit stellt sich die Frage, wie ein Selbstporträt in der Kunst des 21.Jahrunderts aussehen kann und was seine Funktion ist. Bleibt der Kunst damit nichts anderes als eine radikale Abwendung von seiner eigenen Tradition übrig? Ein Weg des Ausweichens? Oder ist jedes weitere künstlerische Selbstporträt eine Trotzreaktion auf die Monopolstellung, die ihm das Selfie entrissen hat?
Joseph Beuys: Filzanzug, 1970 / Erwin Wurm: Selbstporträt als Essiggurkel, 2008 / Florian Meisenberg: Digitales Projekt, 2016
Vielleicht lenkt das oberflächliche, narzisstische Selfie den Blick der Kunst nun auf etwas anderes; weg von der reinen Wiedergabe des Optischen zum Zweck der eigenen Repräsentation, hin zu bisher unbeachteten Aspekten, nach denen man sich selbst porträtieren kann. Wenn Alicja Kwade die 26 Elemente, aus denen der Mensch auf molekularer Ebene besteht, als Selbstporträt bezeichnet, reduziert sie ihre Persönlichkeit auf das Menschsein selbst; das Selbst, das eigentlich nur eine Zusammenstellung verschiedener chemischer Elemente ist. Wenn Josef Beuys ein grauer Filzanzug als Selbstporträt dienen kann, dann, weil er weiß, dass dieser graue Filz so sehr mit seinem Namen konnotiert ist, dass dieser Filzanzug als ein Selbstporträt funktionieren kann. Wenn Erwin Wurm 36 Acrylgurken auf Podeste stellt, ist dies die reine Ironie in Bezug auf die eigene Selbstdarstellung. Wenn Florian Meisenberg der Öffentlichkeit seinen kompletten digitalen Fußabdruck vorführt, indem er alles, was er mit seinem Smartphone macht, jede Onlinesuche, jedes Telefonat, jede Nachricht und jedes Foto, auf einen Bildschirm in eine Ausstellungshalle überträgt, ist dieses digitale Profil möglicherweise ein genaueres Abbild seines Ichs als das reine optische.
Sind dies alles vielleicht bessere Selbstporträts, da sie sich von der Beschränktheit der reinen optischen Wiedergabe lösen? Da sie versuchen, andere Kriterien zu finden; ihre eigene Person über andere Aspekte zu definieren? Aber welche Aspekte definieren das Ich denn eigentlich? Und nach welchen Kriterien sind sie diese für ein Selbstporträt auszuwählen und überhaupt darstellbar? 

Wenn Pamela Rosenkranz eine Installation aus Licht und Gerüchen konzipiert, die die eigene Wahrnehmung manipulieren, dann gelangt man genau zu dieser Frage, wie man sich selbst überhaupt porträtieren kann, wenn bereits Licht und Gerüche die eigene Wahrnehmung von sich selbst manipulieren. Ist das Selbstporträt dann nicht vor allem eines: Eine Illusion? Eine Illusion, ein Abbild, das wir uns  von uns selbst schaffen, in Reaktion auf Umstände, Zeit und Gesellschaft, in der es manifestiert wird? Unter dieser Betrachtung trennt den Begriff des klassischen Selbstporträts nicht mehr viel vom Selfie. Nur suchen beide dieses Abbild heute auf unterschiedlichen Ebenen.  Vielleicht hat die Kunst die reine Abbildfunktion, die reine optische Inszenierung des Ichs, nur an das Selfie ausgelagert, um sich neuen Aspekten der Selbstdarstellung zuzuwenden.


Photos, which are not mine: Pinterest (Alicja Kwade), Die Pinakotheken (Joseph Beuys), Schirn Kunsthalle Frankfurt (Erwin Wurm, Florian Meisenberg), Wikipedia (Édouard Manet)

Tuesday, 14 February 2017

Schreibblockade




Gutes Schreiben; das ist keine einfache Aufgabe. Nicht jeder kann es und ich selbst erhebe keinen Anspruch auf diese Eigenschaft. 


Es gibt Menschen, die können einfach gut schreiben. Ihnen fällt es leicht, Gedankengänge, Sachverhalte und Erlebnisse in Worte und Sätze zu übersetzen. Ihre Texte lassen sich leicht lesen und im Kopf des Lesers setzt sich ein Bild zusammen, so wie es der Autor sich vorgestellt hat. Gute Texte bleiben hängen; im besten Fall berühren sie einen, inspirieren oder bringen einen zum Nachdenken. Bei schlechten Texten bleibt oft nur ein Fragezeichen. Und in Zeiten des Internets, wo jeder jederzeit Zeilen veröffentlichen kann, gibt es sie mehr denn je.


Alle, die nicht mit diesem Talent gesegnet sind, an sich selbst aber den Anspruch an einen guten Textes haben, wissen: Schreiben ist Arbeit. Vielleicht ist es eine kreative Arbeit, aber es bleibt Arbeit. Jeder, der oft Texte schreibt, weiß: Schreiben ist wie jede andere Arbeit auch ein Prozess. Es bedeutet das Strukturieren, Überarbeiten, Streichen und Umwerfen von Wörtern, Sätzen und Ideen. Das Endprodukt ist im Idealfall die prägnanteste, einfachste und schönste Version dessen, was man mit dem Geschriebenen sagen will. Meine Erfahrung als Person, die meist zu viele Dinge als relevant erachtet und in deren Kopf Schachtelsätze immer funktionieren, ist: Es glückt nicht immer. Aber Schreiben ist ein Lernprozess. Mit jedem Mal geht es leichter. 


Schaue ich mir die Texte an, die ich in den ersten Semestern meines Studiums eingereicht habe, grusele ich mich vor mir selbst. Heute würde ich das so nicht mehr abgeben. Viele Formulierungen sind zu plump, viele Sätze zu kompliziert. Ich merke immer mehr, dass die vielen Hausarbeiten seitdem meinen Schreibstil geschult haben. Wie die meisten Menschen auch, bin ich nicht mit schriftstellerischem, journalistischen Talent gesegnet. Mir fließen die Sätze nicht aus der Feder. Die Muse inklusive der perfekten Worte küsst mich wenn überhaupt in den Momenten, wenn ich auf dem Weg zur Bahn bin, mir die Haare föhne oder an der Supermarktkasse stehe; nicht, wenn der Curser auf dem leeren Word-Dokument aufblinkt. Und trotzdem warte ich beim Schreiben immer wieder auf diese Eingebung. Dabei weiß ich genau, dass sie nicht kommen wird. Mein persönlicher Schreibprozess sieht anders aus. Es ist mehr ein wildes Drauflosschreiben, manchmal auch ein Aneinanderhängen von unzusammenhängenden Sätzen und Absätzen, die danach unendliche Male auseinandergenommen, neu zusammengesetzt und ausgetauscht werden, bis ich einigermaßen zufrieden bin mit dem, was dort schwarz auf weiß geschrieben steht. Zu groß ist mein perfektionistischer Anspruch. 


Vielleicht warte ich deshalb so oft auf Eingebung; auf diesen Genieeinfall, der dem Geschriebenen das gewisse etwas gibt. Dieses Warten endet in der Regel zunächst in einer Frustration über mich selbst und meinen Schreibstil. Später verwandelt sich diese dann in Ärger über meinen ständigen Anspruch von Perfektionismus, was dann schließlich in Prokrastination und Schreibblockaden endet. Nicht besonders förderlich für irgendwas, doch leider ein Phänomen, das ich immer wieder an mir selbst beobachten muss.

Dies ist der Grund für circa 20 angefangene Blogpost-Einträge, deren Anfänge mir eigentlich gefallen, da ihre ersten Sätze so wunderbar funktionieren, die Fortsetzung aber einfach nicht so will, wie ich es gerne hätte. Es sind diese Texte, die Arbeit bedürfen. Die sich nicht mal schnell abends nach Uni und Arbeiten fertigschreiben lassen, sondern an die man sich mit einem freien Kopf setzen muss. In den letzten Monaten hat mir meistens dieser freie Kopf gefehlt. Wenn man den ganzen Tag an den Zeilen einer Hausarbeit gefeilt hat, fehlt einem am Abend oft einfach Kraft und Muße, um noch eine weitere Zeile zu verfassen. Dies ist auch der Grund, wieso der letzte Blogpost auf diesem Blog von Oktober ist.


Vielleicht ist dieser Text hier vor allem eins: eine Selbstreflexion meiner Gewohnheiten zur Überwindung meiner Schreibblockade. Ich schreibe an diesem Text bestimmt schon eine Woche. Ich redigiere ihn, füge immer wieder etwas hinzu oder lösche Zeilen und Wörter. Vielleicht ist dieser Text eine Selbsttherapie; eine schriftliche Auseinandersetzung mit meinem eigenen Schreibprozess, um etwas zu überwinden, dass mich so sehr nervt und belastet.


Gerade fühlt es sich so an, als würde diese Selbsttherapie fruchten. Doch sind wir ehrlich: Führt man diese Metapher der Selbsttherapie weiter, so wird sich erst mit der Zeit zeigen, ob diese tatsächlich erfolgreich war.

Momentan aber ist da dieses Gefühl, eine Blockade durchbrochen zu haben. Ein Gefühl, das ich in Bezug auf mein eigenes Schreiben so in dieser Form noch nicht hatte; und das, das fühlt sich an wie ein Weg zur Besserung.
 

Friday, 21 October 2016

Über Ziele und nächste Ziele



Manchmal ist nicht die Antwort auf die Frage, die alles ändert. Manchmal ist es die Frage, die einen auf einmal die Dinge aus einem neuen Blickwinkel sehen lässt; auf eine Antwort, die eigentlich dieselbe bleibt. 

Ich befinde mich im Alter der Abermillionen Möglichkeiten. „Das Alter, in dem man sich noch findet“ - oder so ähnlich. Wir suchen unseren Platz, haben Ideen, Träume, Ziele für unser Leben. Doch hat man dann einen Weg eingeschlagen hat, so steht jedes Mal wieder die Frage im Raum „Ist es das, was ich will? Soll so mein Leben aussehen? Meine Zukunft? Und wenn nein, was will ich dann?“ Auch wenn man sich für ein Studienfach entschieden hat, auch wenn man sich für einen bestimmten Job oder den Umzug in eine andere Stadt entschieden hat. Immer wieder kommt man innerhalb dieser Gedankenkette unweigerlich zu einer Frage, die über all dem zu thronen scheint: „Was sind denn eigentlich meine Ziele? Was genau will ich eigentlich?“ 
Jeder hat hier seinen eigenen kleinen Antwortenkatalog, der sich von Zeit zu Zeit vielleicht ein wenig verändert, dessen große Ziele der Zukunft aber doch meistens gleichbleiben. Und oft scheinen diese in unerreichbarer Entfernung im Nebel der fernen Zukunft zu liegen; egal, ob sie es sind oder nicht. Die große neblige Wolke namens Zukunft schluckt sie einfach.


 "Doch was ist, wenn man die Frage verändert? Wie würde die Antwort lauten, wenn man fragen würde: Was sind deine NÄCHSTEN Ziele im Leben?“ fragt sie mich. Ich sitze mit einer Freundin auf der Kaimauer eines französischen Küstenortes und wir blicken aufs Meer. Wir haben dieses Gespräch schon oft geführt; das über die Sache mit den Zielen. Wir kennen die Antworten der jeweils anderen genau; ebenso die kleinen Veränderungen innerhalb der jeweiligen Antworten über die Jahre hinweg. Doch so hatte ich das Ganze noch nie betrachtet. Bis eben hatte die Frage immer gelautet: „Was sind deine Ziele im Leben?“ Genauso war bis eben eine Sache immer gleichgeblieben: Die Ziele, von denen wir sprachen - UNSERE Ziele, immer waren sie in diese Wolke namens Zukunft eingenebelt und so weit von uns entfernt wie die Sonne, die gerade in diesem Moment hinter den Felsen des kleinen Küstenortes untergeht. Ich stocke bei meiner Antwort auf ihre Frage. Bleiben die Ziele nicht dieselben? Auch nach Veränderung der Frage durch das Hinzufügen dieses kleinen Wörtchens war ein erfolgreicher Studienabschluss immer noch eines meiner angestrebten Ziele – egal, ob nun als „nächstes“ oder nicht. Aber umso länger ich auf das tiefe Blau des vor uns liegenden Mittelmeeres schaue, desto bewusster wird mir, dass es doch einen Unterschied macht. Und zwar einen entscheidenden. Denn er holt die Dinge aus der Nebelwolke Zukunft heraus ans Licht. Bei Licht betrachtet sieht man die Dinge klarer vor Augen. „Aus den Augen, aus dem Sinn“ funktioniert hier nicht mehr. Die Ziele, sie rücken aus der fernen Zukunft näher an die unmittelbare Realität. Sie scheinen relevanter, greifbarer. „Vielleicht ändert sich meine Antwort nicht. Vielleicht bleiben die Ziele dieselben. Aber es ändert sich das Gefühl, die Einstellung, die Perspektive ihnen gegenüber. Alles erscheint machbarer. Diese Ziele klingen dann mehr nach einem Teil meines Lebens.“, antworte ich schließlich „Vielleicht ist die Frage nach den nächsten Zielen die sinnvollere.“ 


Ändert man die Frage, verändert sich die Nuancierung, die Herangehensweise, der Blickwinkel auf die Antwort. 

Ich erinnere mich nur zu gerne an die Aussage meines Geschichtslehrers, der vor jeder Klausur betonte, es würde einen Unterschied machen, ob man den vorliegenden Text „zusammenfassen“ oder „wiedergeben“ sollte. Damals verstand ich nur theoretisch, was er da sagte. In der Praxis war mir das herzlichst egal. Ich beantwortete Aufgabe 1 immer nach einem ähnlichen Schema; egal, ob ich einen Gesetzesausschnitt nun „zusammenfassen“ oder einen Zeitungsartikel „wiedergeben“ sollte. Heute allerdings – nach einigen Semestern Studium, in denen ich darauf geschult wurde, die kleinen, aber feinen Unterschiede jedweder Details und Blickwinkel zu erkennen und meine Schlüsse daraus zu ziehen -  weiß ich, dass mein Geschichtslehrer recht hatte. Die Antwort bleibt vielleicht ähnlich. Doch zumindest der Denkansatz, die Einstellung, verändert sich.

Vielleicht sollten wir – egal, ob wir uns nun in der oben genannten Findungsphase befinden oder nicht –uns öfter die Frage nach dem nächsten Ziel stellen, anstatt unsere Ziele in unserer persönlichen Zukunftswolke zu vernebeln.
Es ist gut sich beide Fragen zu stellen; die allgemeine, große und die kleine, präzisere. Damit wir beides nicht aus den Augen verlieren. Damit wir uns selbst und jedes unserer Ziele nicht verlieren.



Sunday, 4 September 2016

State of Things #5


Da tummeln sich etliche angefangene Blogeinträge im Entwurfsordner. Noch mehr Ideen stehen auf einer Liste in meinem Notizbuch. Ich will schreiben. Formulierungen schwirren mir durch den Kopf; genauso wie der Gedanke, dass es doch irgendwie mal wieder zeitlich möglich sein sollte, zumindest eins, zwei Zeilen tippen zu können. Doch irgendwie finde ich sie gerade nicht; diese Zeit.

Denn da ist auch ein Vollzeitpraktikum sowie eine offene Hausarbeit und eine Exkursionsvorbereitung, die gerade einfach Vorrang haben und am Ende des Tages gerade noch Zeit zum Abendessen lassen, bevor einem die Augen bereits während des Zähneputzens zufallen. Einmal abgesehen davon, dass da auch noch sowas wie Freunde und Familie sind; so was, das sich - überspitzt formuliert - soziales Leben nennt. Zeit für den Blog bleibt da wenig.

Ja, manchmal muss man funktionieren. Ja, manchmal geht es nicht anders. Jeder von uns kennt das. Aber irgendwann kommt der Punkt, da kann man nicht mehr. An diesem Punkt war ich vor gut drei Wochen. Ausgelaugt und urlaubsreif; so urlaubsreif wie wahrscheinlich noch nie in meinem Leben. Einfach mal raus und nicht an den Alltag denken. Einfach mal abschalten und nichts tun. Einfach mal das Leben genießen, kochen, guten Wein trinken, im Fluss baden, Sonnenuntergänge bestaunen, durch Felder und Weinberge wandern, viel und lange schlafen, gute Musik hören, endlose Runden Karten spielen, am Lagerfeuer sitzen, sich mit Freunden über das Leben, die Welt, die Zukunft und alte Geschichten unterhalten.  Diese eine Woche in „the middle of nowhere“ in Südfrankreich mit genau dem eben Beschriebenen haben meine Akkus wieder aufgeladen. Genau das habe ich gebraucht.
 
Während ich diese Zeilen tippe, sitze ich schon wieder in der Bibliothek und arbeite an meinem Referat für die Exkursion, die bald ansteht. Wir haben Sonntag. Eigentlich würde ich sonntags gerne etwas anderes machen. Die letzten Reste dieses Sommers genießen - zum Beispiel. Aber das ist zurzeit einfach nicht drin. Ich muss da jetzt durch. 

Ja, manchmal muss man funktionieren. Ja, manchmal ist das so. Da muss man dann durch. Aber nur, wenn man sich danach auch die Zeit nimmt, das Leben zu genießen. 

Mein Praktikum ist bald vorbei, das Referat ist auch fast fertig geschrieben, die Hausarbeit aus mangelnder Zeit und zu hohem Selbstanspruch auf den Zweitabgabetermin verschoben. Dann werde ich das mit dem Funktionieren bis zum Semesterbeginn erst einmal sein lassen – denn dafür ist im nächsten Semester auch noch Zeit – und mir die Zeit nehmen, mich all dem zu widmen, wofür in letzter Zeit einfach die Zeit gefehlt hat. 
Dann werde ich mir auch die Zeit nehmen, endlich all die Ideen für diesen Blog in die Tat um zu setzen. 

Gedanke während des Korrekturlesens:
So oft, wie das Wort "Zeit" allein im letzten Absatz vorkommt, da wünscht man sich doch sehr, dass der Tag mehr als 24 Stunden am Tag hätte. Einfach bei fehlender Zeit ein bisschen Zeit hinzufügen: so wie ein weiteres Wort im Satz. Das wäre es doch! 
Ach, hätte, hätte Fahrradkette…